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Sprache im Wirtschaftsalltag
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Auf die CeBIT pfeifen

Bei dem Krach hör ich mich kaum denken
 

Worum es geht

Eine wirklich nützliche Messe ermutigt zum Gespräch. Weil aber so ein Lärm ist, brüllen alle. Oder war's anders herum?

So gesehen, hätte man kaum weniger von einem virtuellen Messebesuch. Oder Sie organisieren eine Messe des alten Stils. Wie wär's, wollen wir mal darüber reden?

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Slow Fair

Im Grunde ist Marketing einfach. Wir schlüpfen in die Haut von Martha Meisegeier, wir erfühlen ihr Herz, wir durchwandern ihr Hirn. Dort finden wir allerlei, womit wir nichts anfangen können, und was uns einen feuchten Staub angeht. Aber, wir stoßen auch auf Marthas stetes Sehnen nach Ablenkung.

Da kennen wir uns aus, sagen wir mannhaft, steigen in die Tiefe ihrer Seele, lassen uns daselbst sofort und vollkommen verwirren und wenn wir auftauchen aus der Innenwelt, rufen wir "Aha," und indem wir unser Mitleid kühn unterdrücken, wiederholen wir vorsichtshalber "Aha," und schließen sobald und messerscharf: "Martha wünscht die volle Dröhnung! Wir werden sie zu einer Party einladen." Nämlich auf der nächsten Messe.

Pröbchen

So weit, so gut. Nun könnten wir ja nett zu ihr sein, sie mit Cola beschenken, CD-förmige Pröbchen in ihre feuchten Hände drücken, ihre Adresse in unser Büchlein malen und gerührt in ihre dankbaren Augen blicken, wenn der Computer "Martha, Du bist wundervoll" aus allen Whoofers und Tweaters haucht. Pustekuchen. Martha Meisegeier gibt es nicht.

Nicht für uns Marketingleute, wir kennen die Zielgruppe M., sprich die 58.324 weiblichen Singles, die so sind wie Martha. Und die machen wir zur Schnecke, will sagen wir stimulieren ihre Markentreue, man kommt ja sowas von durcheinander.

Sobald sich die ganzen Marthas auf unseren Stand verirren, blöken wir sie an: Hallo, Ihr blöden Weiber, schon den geilen Sound von Honko dem Stinker reingezogen? Hier ist er, voll aufgedreht. Taub seid Ihr ja schon, von dem Krach, den ich mach.

Die smarten Marketers mengen derweil auf einem Podium herum, ja wir suchen den Gedankenaustausch, forumsmäßig. Da wird nicht gebrüllt. Da darf Jeder mal, nämlich erzählen was er für ein tolles Kerlchen ist, da bekundet er seine Bereitschaft zum Dialog, und wenn er mit seinen Schmonzes fertig ist, ist die Diskussionszeit um, leider leider, es folgt noch das Statement von - nun ja, noch so einem Clown.

Hülsenfrüchte

So sehen die Messen aus: Viel Schote, wenig Erbse. Und das war's. Eigentlich redet jeder mit sich selbst, man fragt sich nur, warum er nicht in den Rasierspiegel plärrt: "Der Schönste im Lande bin doch ich, oder?"

Dabei wäre es einfach: Machen wir eine Messe der
Milde. Schaffen wir Inseln der Ruhe, wo sich beim Reden der Geist öffnet: So schön kann Zuhören sein!

Weil die Stille schwebt, darin viel Raum für die Muße lebt: "Ja, das könnte mir was nützen. Das könnte mir sogar gefallen. Sehen Sie, ich mag allerdings nur 1000 Mark ausgeben, was nun?" Und der Anbieter kratzt sich am Kopf: "Doch, das biegen wir hin. Wollen wir uns mal hinsetzen?"

So waren Messen, jahrhundertelang. Man sprach miteinander, man knüpfte Netze, man freute sich auf das nächste Jahr. Es gab viel zu bereden und noch mehr zu behören. Und Geschäfte wurden gemacht, Verbindungen angebahnt, Freundschaften, sogar Ehen. Dazu gehört wenig. In allen Hallen herrscht Ruh, auf allen Ständen spürest Du ... den Menschen, wie er ist.

Das wäre schön, nützlich, sinnvoll, würde Kosten sparen, Erträge versprechen. Nur die Krachmacher, die sperren wir in die Halle 5, manche können ja nicht anders. Aber Tür zu, bitte! Was Slow Food für den Gaumen, wäre Slow Fair für das Business.

Ob ein Veranstalter den Mut aufbringt, diese Lücke im Markt zu füllen? Sie werden's nicht tun, denn vor der Stille fürchten Sie sich.

Veröffentlicht in der Berliner Gazette vom 6. Dezember 2000


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  Dipl.-Ing. Oliver Baer, Publizist
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